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Ökostrom: Greenwashing erkennen und echte grüne Tarife finden

Nicht jeder Ökostrom-Tarif ist wirklich grün. Wie das Herkunftsnachweis-System Greenwashing ermöglicht, welche Labels wirklich etwas aussagen und wie du echten Ökostrom erkennst.

14 min Lesezeit16. Februar 2026FinTri
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Einordnung: 67 Prozent Ökostrom – aber kaum Wirkung

Du hast einen Ökostromtarif? Dann gehörst du zur Mehrheit: Rund 67 Prozent der deutschen Haushalte beziehen formal Ökostrom. Wenn dieses System funktionieren würde, müsste sich das massiv auf die Energiewende ausgewirkt haben. Hat es aber kaum – denn der Großteil dieser Tarife basiert auf einem Zertifikatshandel, der an der physischen Stromerzeugung in Deutschland nichts ändert.

Die Verbraucherzentrale NRW schätzt, dass 98 Prozent aller Ökostromtarife reine „Marketing-Tarife" sind. Der ROBIN WOOD Ökostromreport 2025 untersuchte über 1.200 Angebote – und empfiehlt gerade einmal zehn bundesweite Anbieter. Die Grünfärbung eines durchschnittlichen Haushalts kostet den Anbieter weniger als zwei Euro im Jahr. Gleichzeitig zahlen Kunden dafür einen Aufpreis, der selten in neue Windräder oder Solaranlagen fließt.

Der Grund ist ein System, das gut gemeint war, aber zum legalen Greenwashing-Werkzeug geworden ist: das europäische Herkunftsnachweissystem. Wer versteht, wie es funktioniert, kann echten Ökostrom von Etikettenschwindel unterscheiden – und eine Entscheidung treffen, die tatsächlich etwas bewirkt.

Wie das Herkunftsnachweis-System funktioniert

Das Prinzip: Strom und Zertifikat getrennt

Ein Herkunftsnachweis (HKN) ist ein elektronisches Zertifikat, das bescheinigt, dass eine Megawattstunde Strom aus erneuerbaren Energien erzeugt und ins Netz eingespeist wurde. Das Umweltbundesamt (UBA) betreibt seit 2013 das deutsche Herkunftsnachweisregister (HKNR) und verwaltet den gesamten Lebenszyklus: Ausstellung, Handel, Entwertung und Verfall.

Das entscheidende Designmerkmal: HKN sind vom physischen Stromfluss vollständig entkoppelt. Zertifikat und Strom werden als separate Handelsware behandelt. Ein Energieversorger kann an der Strombörse anonymen Graustrom kaufen – der aus Kohle-, Gas- oder Kernkraftwerken stammen kann – und separat HKN von norwegischen Wasserkraftwerken erwerben. Durch die Entwertung dieser HKN darf er das Produkt gemäß § 42 EnWG als „100 % Ökostrom" in der Stromkennzeichnung ausweisen.

Das UBA selbst räumt ein: Herkunftsnachweise können nicht verhindern, dass Versorger behaupten, Ökostrom zu liefern, obwohl sie lediglich Strom aus Atom- oder Kohlekraftwerken liefern und diesen mit zugekauften HKN als Grünstrom deklarieren.

Warum fast alle deutschen HKN aus Skandinavien kommen

Eine Besonderheit des deutschen Systems verschärft das Problem: Das Doppelvermarktungsverbot nach § 80 EEG untersagt Anlagen, die EEG-Förderung erhalten, gleichzeitig Herkunftsnachweise auszustellen. Da über 80 Prozent der deutschen Wind- und Solarkapazität EEG-gefördert ist, wurden 2023 in Deutschland nur rund 37 TWh an HKN ausgestellt – aber 185 TWh entwertet. Die Differenz wird importiert: Etwa 75 Prozent aller in Deutschland entwerteten HKN stammen aus Norwegen, überwiegend von alten, längst abgeschriebenen Wasserkraftwerken.

Die Absurdität wird an Norwegen selbst sichtbar: Physisch stammen 98 Prozent des norwegischen Stroms aus erneuerbaren Quellen. Doch weil die HKN massenhaft ins Ausland verkauft werden, weist Norwegens offizielle Stromkennzeichnung nur noch etwa 15 Prozent Erneuerbare aus. Norwegische Verbraucher beziehen „offiziell" überwiegend fossilen Strom – obwohl fast ausschließlich Wasserkraft aus ihren Steckdosen kommt.

Was es kostet, Strom „grün zu machen"

HKN kosten fast nichts. Günstigste skandinavische Wasserkraft-Zertifikate liegen bei 0,20 bis 0,50 Euro pro Megawattstunde – also 0,02 bis 0,05 Cent pro Kilowattstunde. Für einen Durchschnittshaushalt mit 3.500 kWh Jahresverbrauch kostet die komplette Grünfärbung den Anbieter weniger als 1,75 Euro pro Jahr. Der Ökostrom-Aufpreis, den Kunden zahlen, fließt also fast vollständig in die Marge des Anbieters – nicht in die Energiewende.

Zum Vergleich: Echte Ökostromanbieter investieren zwischen 0,3 und 2,76 Cent pro kWh in den Bau neuer Erneuerbarer-Energien-Anlagen. Das ist das 6- bis 138-Fache dessen, was ein HKN kostet.

Was kommt aus deiner Steckdose? Auch mit Ökostromtarif beziehst du physisch den allgemeinen Strommix. Das Stromnetz funktioniert wie ein See, in den alle Erzeuger einspeisen und aus dem alle Verbraucher entnehmen. Ein Ökostromtarif ändert nicht, welcher Strom fließt – er ändert, wohin dein Geld fließt. Und genau deshalb ist die Wahl des richtigen Tarifs so wichtig.

Ökostrom-Labels: Was sie aussagen – und was nicht

Der Begriff „Ökostrom" ist in Deutschland nicht gesetzlich geschützt. Weder das EEG noch das EnWG definieren, was Ökostrom ist. Die Qualitätssicherung übernehmen deshalb Gütesiegel – mit erheblichen Unterschieden in Strenge und Aussagekraft.

Grüner Strom Label: Das strengste Siegel

Das Grüner Strom Label (GSL) wurde 1998 gegründet und wird von sieben Umwelt- und Verbraucherorganisationen getragen, darunter BUND, NABU und Deutsche Umwelthilfe. Es gilt als das älteste und strengste deutsche Ökostromsiegel.

Die Kernforderungen:

  • 100 Prozent erneuerbare Energie mit physischer Kopplung von HKN und Strommenge – reiner Zertifikatshandel wird nicht anerkannt
  • Pflicht-Investition von mindestens 0,5 ct/kWh in Neuanlagen, Speicher, E-Mobilität oder Artenschutzmaßnahmen
  • Strikte Ausschlusskriterien: Keine Beteiligung an Atom- oder Kohlekraftwerken
  • Unabhängige Prüfung durch das Institut GUTcert mit mindestens zweijährigen Audits

Seit Gründung hat das GSL über 96 Millionen Euro in mehr als 1.900 Energiewende-Projekte gelenkt und damit Gesamtinvestitionen von rund 580 Millionen Euro angestoßen. 2024 waren 2,4 TWh zertifiziert – verteilt auf rund 237 Tarife von 38 Anbietern.

ok-power: Flexibel mit starkem Anspruch

Das ok-power-Label wird seit 2000 von EnergieVision e.V. vergeben, gegründet vom Öko-Institut Freiburg und dem Hamburg Institut Research. Es arbeitet mit einem flexibleren Wahlpflichtmodell: Anbieter können zwischen Innovationsförderung (0,3 ct/kWh), Neuanlagenquoten, PPA-basierter Beschaffung oder dem Weiterbetrieb ehemals geförderter Anlagen wählen.

Wie das GSL schließt ok-power Beteiligungen an Atom- und Braunkohlekraftwerken aus. Die Variante ok-power-plus geht weiter: Hier muss der gesamte Absatz an Haushalts- und Kleingewerbekunden zertifiziert sein – es handelt sich also um ein Anbietersiegel, nicht nur ein Produktsiegel. Rund 80 Anbieter tragen das ok-power-Siegel, mit einem Zertifizierungsvolumen von rund 4,3 TWh.

TÜV-Zertifizierungen: Verbreitet, aber mit Lücken

TÜV SÜD, TÜV Nord und TÜV Rheinland bieten eigene Ökostrom-Zertifizierungen an. TÜV SÜD EE01 verlangt mindestens 30 Prozent aus Neuanlagen und 75 Prozent des Ökostrom-Aufschlags für Energiewende-Maßnahmen. TÜV Nord fordert 33 Prozent Strom aus maximal sechs Jahre alten Anlagen oder alternativ 0,25 ct/kWh Investition.

Der entscheidende Unterschied zu GSL und ok-power: TÜV-Siegel haben keine Ausschlussklauseln für Betreiber mit Atom- oder Kohlekraftwerken. Kein einziger der vier großen Energiekonzerne trägt das GSL oder ok-power – aber alle nutzen TÜV-Zertifizierungen für ihre Ökostromtarife.

Die Empfehlung von UBA und Verbraucherzentralen ist eindeutig: Nur Grüner Strom Label und ok-power garantieren, dass Ökostrombezug tatsächlich zum Ausbau erneuerbarer Energien beiträgt. Reine HKN ohne zusätzliches Gütesiegel bieten nach Einschätzung aller Verbraucherorganisationen keinen messbaren Zusatznutzen für die Energiewende.

Fehler und Mythen rund um Ökostrom

„Ökostrom ist teurer als normaler Strom"

Dieses Vorurteil hält sich hartnäckig – und ist nur halb richtig. Bei Neuabschlüssen kostet HKN-basierter Ökostrom praktisch keinen Aufpreis: Die Differenz zu konventionellen Tarifen beträgt laut StromAuskunft nur 0,87 ct/kWh. Das erklärt auch, warum so viele Tarife als Ökostrom verkauft werden – die Grünfärbung kostet den Anbieter fast nichts.

Anders sieht es bei zertifiziertem Ökostrom aus: Tarife mit Grüner Strom Label oder ok-power liegen bei etwa 31 bis 38 ct/kWh und damit 8 bis 12 ct/kWh über den günstigsten HKN-Tarifen. Aber: Sie sind immer noch deutlich günstiger als die Grundversorgung mit durchschnittlich 42 ct/kWh. Wer aus der Grundversorgung zu zertifiziertem Ökostrom wechselt, spart je nach Anbieter und Region 110 bis 430 Euro jährlich – und fördert gleichzeitig die Energiewende.

„100 % Ökostrom bedeutet, mein Strom kommt vom Windrad"

Nein. Aus der Steckdose kommt immer der lokale Strommix – das Stromnetz funktioniert wie ein See, in den alle Erzeuger einspeisen. Ein Ökostromtarif bedeutet lediglich: Die verbrauchte Menge wurde irgendwo in Europa irgendwann im letzten Jahr als Ökostrom erzeugt und durch ein Zertifikat belegt. Es gibt weder eine zeitliche Synchronität noch eine räumliche Kopplung. Ein norwegischer HKN kann Stromverbrauch in München „grün" machen, obwohl die Übertragungskapazität zwischen beiden Märkten nur einen Bruchteil davon physisch ermöglicht.

„Alle Ökostrom-Anbieter sind gleich gut"

Die Qualitätsunterschiede sind massiv. Während unabhängige Anbieter wie Green Planet Energy 1,92 bis 2,76 ct/kWh in den Neuausbau investieren, beschränken sich viele Anbieter auf den bloßen HKN-Kauf für 0,01 bis 0,05 ct/kWh. Es gibt über 8.000 Ökostromtarife in Deutschland, aber nur ein Bruchteil fördert tatsächlich die Energiewende.

„Die EEG-Förderung finanziert doch schon genug Ökostrom"

Das stimmt insofern, als der EEG-geförderte Ausbau der Haupttreiber der Energiewende ist. Aber genau dieser Strom darf durch das Doppelvermarktungsverbot nicht als Ökostrom vermarktet werden. Die persönliche Tarifwahl hat deshalb eine eigenständige Wirkung, die über die EEG-Förderung hinausgeht – vorausgesetzt, der Tarif enthält echte Investitionsverpflichtungen.

„Mein Ökostrom-Tarif spart automatisch CO₂"

Der rechnerische CO₂-Wert von Ökostrom liegt bei nur 32 g/kWh gegenüber 445 bis 498 g/kWh im konventionellen Mix. Aber diese Einsparung tritt nur real ein, wenn der Tarif tatsächlich zusätzliche erneuerbare Erzeugung fördert. Ein reiner HKN-Handel verschiebt Strommengen nur auf dem Papier, ohne dass ein einziges fossiles Kraftwerk weniger produziert.

Noch problematischer: Forschende des Fraunhofer ISI wiesen nach, dass Haushalte, die auf einen Ökostromtarif wechseln, dauerhaft rund 7,7 Prozent mehr Strom verbrauchen – ein psychologischer Rebound-Effekt. Wer glaubt, mit dem Tarifwechsel seine Klimaschuld beglichen zu haben, konsumiert sorgloser. Die Verhaltensökonomie nennt das „Moral Licensing" – dasselbe Phänomen, das wir im Artikel zur Psychologie hinter Fixkosten beschrieben haben.

Wie die großen Konzerne Ökostrom verkaufen

Die vier großen Energiekonzerne – RWE, E.ON, Vattenfall und EnBW – haben ihre Ökostrom-Strategie in den letzten Jahren radikal ausgeweitet. E.ON vermarktet seit November 2021 alle Neuverträge als „100 % Ökostrom". EnBW bewirbt sämtliche Tarife als Ökostrom. Die Kosten dafür sind minimal: Der Zertifikatskauf kostet einen Bruchteil des Ökostrom-Aufpreises, den Kunden zahlen.

Systematisch nutzen die Konzerne Zweitmarken, um ihre Ökostromprodukte vom fossilen Erbe der Muttergesellschaft zu distanzieren: EnBW verkauft über Yello, E.ON über eprimo und E wie Einfach, RWE vertreibt über mehrere Regionalmarken. Die Verbindung zwischen den Konzernen und ihren Ökomarken wird selten offen kommuniziert.

Eine Analyse des Hamburg Instituts im Auftrag von LichtBlick zeigte das Ausmaß der Diskrepanzen: Vattenfall kaufte tatsächlich nur 17 Prozent Ökostrom, wies aber in der Stromkennzeichnung 50 Prozent aus. Die realen CO₂-Emissionen lagen bei 644 g/kWh – 67 Prozent höher als deklariert. Bei E.ONs Tochter eprimo betrug die Abweichung sogar 83 Prozent. Nach einer Reform der Stromkennzeichnungsregeln fielen die deklarierten Ökostrom-Anteile bei einigen Konzernen dramatisch: E.ON von 56 auf 7 Prozent, EnBW von 65 auf 13 Prozent. Kein Konzern oder dessen Tochtermarke qualifizierte sich für den ROBIN WOOD Ökostromreport.

Laut Bundesnetzagentur stammen nur 6,8 Prozent der erneuerbaren Energien in Deutschland von den fünf größten Energiekonzernen – obwohl sie über 60 Prozent des Stroms verkaufen.

Was sich rechtlich ändert

Die regulatorische Landschaft verschiebt sich deutlich. Drei Entwicklungen sind für Verbraucher relevant:

BGH-Grundsatzurteil (Juni 2024): Der Bundesgerichtshof entschied, dass Werbung mit „klimaneutral" irreführend ist, wenn nicht transparent zwischen CO₂-Reduktion und bloßer Kompensation unterschieden wird. Für umweltbezogene Werbung gelten dieselben strengen Anforderungen wie für Gesundheitswerbung. Ein QR-Code oder Verweis auf eine Website reicht nicht – aufklärende Hinweise müssen in der Werbung selbst stehen.

3. UWG-Änderungsgesetz (ab September 2026): Die neuen Per-se-Verbote untersagen dann: Werbung mit „klimaneutral" oder „CO₂-neutral" auf Kompensationsbasis, allgemeine Umweltaussagen wie „grün" oder „umweltfreundlich" ohne Nachweis anerkannter Umweltleistung, selbst erstellte Nachhaltigkeitssiegel ohne unabhängige Zertifizierung sowie Zukunftsversprechen ohne detaillierten Umsetzungsplan. Bußgelder können bis zu vier Prozent des Jahresumsatzes betragen.

RED III und die EEG-Reform: Die EU-Richtlinie RED III verlangt, dass künftig auch für EEG-geförderte Anlagen Herkunftsnachweise ausgestellt werden – ein Widerspruch zum deutschen Doppelvermarktungsverbot. Die erwartete EEG-Neufassung 2026 wird hier richtungsweisend sein. Ökostrom-Pioniere befürchten, dass eine Öffnung des HKN-Markts zu einem Preisverfall und verstärktem Greenwashing führen könnte.

Entscheidungsleitfaden: Echten Ökostrom erkennen

Der 5-Fragen-Check

Frage 1: Trägt der Tarif das ok-power- oder Grüner-Strom-Label? Das sind die einzigen beiden von Umweltbundesamt und Verbraucherzentralen empfohlenen Gütesiegel. Beide verlangen echte Investitionen in die Energiewende und schließen Beteiligungen an Atom- und Kohlekraftwerken aus. Ein TÜV-Siegel allein reicht nicht.

Frage 2: Wie viel investiert der Anbieter pro kWh in neue Anlagen? Mindestens 0,5 ct/kWh sollten es sein (Grüner-Strom-Standard), besser über 1 ct/kWh. Keine Investition, nur HKN-Kauf? Dann ist es ein reiner Marketing-Tarif.

Frage 3: Bezieht der Anbieter Strom über Direktlieferverträge oder kauft er nur separate HKN? Direkte Lieferverträge (PPAs) mit konkreten Erzeugungsanlagen sind das Qualitätsmerkmal. Separater HKN-Kauf zum Börsenstrom ist das Warnsignal.

Frage 4: Ist der Anbieter an Kohle- oder Atomkraftwerken beteiligt? Reine Ökostromanbieter verkaufen ausschließlich Ökostrom. Bei Konzernen mit Zweitmarken fließt das Geld letztlich in einen fossilen Mutterkonzern.

Frage 5: Woher stammen die Herkunftsnachweise? Seit November 2023 müssen Herkunftsländer auf der Stromrechnung angegeben werden. Konkrete Kraftwerksnamen und deutsche Neuanlagen sind ein gutes Zeichen. Vage Angaben wie „europäische Wasserkraft" sind ein Warnsignal.

Drei Strategien für verschiedene Prioritäten

Maximale Ersparnis: Ein günstiger Basis-Ökostrom-Tarif über Vergleichsportale spart gegenüber der Grundversorgung bis zu 750 Euro jährlich. Der ökologische Mehrwert gegenüber einem konventionellen Tarif ist allerdings minimal – die Grünfärbung ist rein bilanziell.

Kompromiss: Ein zertifizierter Tarif mit ok-power oder Grüner Strom Label kostet gegenüber günstigstem Ökostrom rund 320 bis 480 Euro mehr pro Jahr bei 4.000 kWh, ist aber meist immer noch günstiger als die Grundversorgung und fördert nachweislich die Energiewende.

Konsequent grün: Ein Anbieter aus dem ROBIN WOOD Ökostromreport, der vollständig unabhängig von Kohle- und Atomkonzernen arbeitet und eigene Anlagen betreibt oder direkte Lieferverträge hat. Die zehn empfohlenen Anbieter 2025: Bürgerwerke, EWS Schönau, Fair Trade Power, Green Planet Energy, MANN Naturstrom, Naturstrom, Ökostrom+, Polarstern, Prokon und WestfalenWIND.

Portal-Falle vermeiden: Auf Check24 wählen 84,7 Prozent der Ökostrom-Kunden die Filterstufe „Öko Basis" – die auch reine HKN-Tarife enthält. Nur 0,9 Prozent filtern nach „Öko KlimaPlus" mit echten Gütesiegeln. Verivox bietet in den erweiterten Einstellungen immerhin eine Filterung nach einzelnen Labels. Wer gezielt nach zertifiziertem Ökostrom sucht, nutzt besser die Tarifrechner direkt auf den Websites von ok-power und Grüner Strom Label.

Was ein Wechsel wirklich kostet – und bringt

Der größte Kostenhebel liegt nicht in der Wahl zwischen Öko und konventionell, sondern im Wechsel aus der Grundversorgung heraus. Die Zahlen im Überblick:

  • Günstigster HKN-Ökostrom (Neukundenpreis): ca. 24 ct/kWh → rund 960 Euro/Jahr bei 4.000 kWh
  • Zertifizierter Ökostrom (GSL/ok-power): ca. 31–38 ct/kWh → rund 1.240–1.520 Euro/Jahr
  • Grundversorgung: ca. 42 ct/kWh → rund 1.680 Euro/Jahr

Selbst der teuerste zertifizierte Ökostrom ist damit günstiger als die Grundversorgung. Wer von dort zu einem echten Ökostrom-Anbieter wechselt, spart Geld und fördert die Energiewende – beides gleichzeitig.

Wie der gesamte Energiemarkt funktioniert und welche Tarifbegriffe du kennen solltest, haben wir in separaten Artikeln erklärt. Und wenn du unsicher bist, ob sich ein Wechsel für dich lohnt: Unser Fixkosten-Check zeigt in 30 Minuten, wo deine größten Hebel liegen.

Fazit

Ökostrom ist nicht gleich Ökostrom. Das Herkunftsnachweis-System ermöglicht es legal, Kohlestrom für unter zwei Euro pro Haushalt und Jahr in „100 % grünen Strom" umzuetikettieren. Die meisten Ökostromtarife bewirken keinen zusätzlichen Ausbau erneuerbarer Energien – sie verschieben nur Zertifikate auf dem Papier.

Das heißt nicht, dass die Tarifwahl egal ist. Im Gegenteil: Wer sich für einen Anbieter mit Grüner Strom Label oder ok-power entscheidet, sorgt dafür, dass pro verbrauchter Kilowattstunde reales Geld in neue Wind- und Solaranlagen fließt. Der Aufpreis gegenüber HKN-Tarifen ist moderat – und liegt fast immer unter dem, was die Grundversorgung kostet. Ab September 2026 werden zudem neue gesetzliche Regeln vage Umweltversprechen deutlich einschränken.

Die wichtigste Erkenntnis: Nicht der Tarifwechsel an sich schützt das Klima, sondern die Wahl des richtigen Anbieters. Die entscheidenden Kriterien sind Investitionen in Neuanlagen, unabhängige Zertifizierung, Unabhängigkeit von fossilen Konzernen und Direktlieferverträge statt bloßem HKN-Handel.

Genau das prüfen wir in der Beratung: Welcher Ökostromtarif passt zu deinem Budget und deinen Werten – und wie stellst du sicher, dass dein Geld dort ankommt, wo es tatsächlich die Energiewende voranbringt.


Quellen

  • Umweltbundesamt: Herkunftsnachweisregister (HKNR) seit 2013, Einschränkungen des HKN-Systems, Empfehlung GSL und ok-power
  • Bundesnetzagentur: Monitoringbericht Energie 2025 – Stromkennzeichnung, Lieferantenwechsel, Marktdaten
  • § 42 EnWG (Stromkennzeichnungspflicht), § 80 EEG 2023 (Doppelvermarktungsverbot), HkRNDV (Herkunftsnachweis-Durchführungsverordnung)
  • ROBIN WOOD: Ökostromreport 2025 – 1.271 Anbieter geprüft, 10 empfohlen
  • Verbraucherzentrale NRW/Bundesverband: Einschätzung Ökostrom-Labels, Portalempfehlungen, Greenwashing-Kritik
  • Grüner Strom Label e.V.: Zertifizierungskriterien, Investitionsvolumen seit 1998 (96 Mio. €, 1.900+ Projekte)
  • EnergieVision e.V.: ok-power-Kriterien V10.0 (seit November 2025), Zertifizierungsvolumen 4,3 TWh
  • Hamburg Institut/LichtBlick: Analyse der Stromkennzeichnungsdiskrepanzen bei Vattenfall, E.ON, EnBW (2021)
  • BGH-Urteil I ZR 98/23 (27. Juni 2024): Irreführende Werbung mit „klimaneutral"
    1. UWG-Änderungsgesetz (Bundesrat 30. Januar 2026): Umsetzung EU-EmpCo-Richtlinie, Per-se-Verbote ab 27.09.2026
  • Richtlinie (EU) 2023/2413 (RED III): Herkunftsnachweise für geförderte Anlagen, Umsetzung in Deutschland ausstehend
  • Schleich, J. et al.: Renewable Rebound (~7,7%), Applied Economics 2023 – Fraunhofer ISI
  • Ebeling, F. & Lotz, S.: Default-Effekt bei Ökostrom (7% → 69%), Nature Climate Change 2015
  • StromAuskunft: Preisdifferenz Ökostrom vs. konventionell (0,87 ct/kWh), Stand Februar 2026
  • Deutsche Umwelthilfe: Goldener Geier 2021 (RWE), 100+ Abmahnungen seit Mai 2022